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Interview
von Christine Holch mit Helge Adolphsen
(erschienen in Chrismon 2/2004
auf den Seiten 30 und 31)
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Helge
Adolphsen ist Hauptpastor am "Michel" (St. Michaelis) in Hamburg: Hauptkirche
St. Michaelis
Englische Planke 1
20459 Hamburg
e-mail: hauptpastor@st-michaelis.de
Wir
danken Herrn Hauptpastor Helge Adolphsen für seine freundliche Übernahmegenehmigung.
CHRISMON:
Was man sich gewünscht hat, trifft oft nicht ein. Manche Menschen hadern
dann mit ihrem Gott. Darf man Gott beschimpfen?
HELGE
ADOLPHSEN:
Aber Ja! Jesus tut es selber, der 22. Psalm ist voller Wut und Enttäuschung.
"Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen? Ich schreie, aber
meine Hilfe ist ferne."
CHRISMON:
Gott könnte doch, wenn er wollte - schließlich ist er allmächtig!
HELGE
ADOLPHSEN:
Aber Gott ist kein Automat - oben der Wunsch rein, unten die Erfüllung
raus. Ich habe keinen Anspruch darauf, dass er bitte schön alles genau
so erfüllt, wie ich es mir vorstelle. Gott ist in seinem Handeln uns gegenüber
frei. Und manchmal können wir sein Handeln eben nicht verstehen. Allmächtig
ist Gott in dem Sinne, dass er - auch wenn er meine Bitten nicht erhört
- zu mir hält und mich nicht fallen lässt.
CHRISMON:
Manche Menschen verstehen ihr Leid als eine Strafe Gottes.
HELGE
ADOLPHSEN:
Das ist eine ganz schlimme Vorstellung, einen Krebs oder Herzinfarkt als
Strafe für irgendein Verhalten zu nehmen! Es ist menschenverachtend und
nicht im Sinne Gottes zu sagen: "Gott bestraft dich, weil du das und das
getan hast" Das Drohen mit einem strafenden Gott ist durch das neue Testament
nicht gedeckt. Gott ist nicht der Hüter unserer Moral. Bestimmte christliche
Kreise sehen das anders ...
CHRISMON:
Haben Sie Tipps für Bet-Anfänger?
HELGE
ADOLPHSEN:
Anfangen kann man mit dem Stoßseufzer, eine alte Tradition. Das erleichtert,
weil man plötzlich nicht mehr bei sich selber bleibt, sondern an jemanden
wendet. "Mein Gott!" Der nächste Schritt wäre, laut auszusprechen. also
nicht nur leise zu denken, was einem Mühe macht. Zum Beispiel: "Meiner
Mutter geht es schlecht, sie steht vor einer Operation - lass mich an
sie denken." Und sich dabei Gott vorzustellen - wie immer man ihn versteht.
CHRISMON:
Man muss keine Form einhalten?
HELGE
ADOLPHSEN:
Nein, Nein! Aber Texte können eine Hilfe sein in Situationen, wo es einem
die Sprache verschlägt, auch mir die Sprache verschlägt - wenn ich ein
zwölfjähriges Mädchen beerdigen muss. Da greif ich zu Texten mit großen
Bildern und starken Worten, die viel stärker sind als ich in der augenblicklichen
Situation. Alte Gebete, die von Menschen in ähnlicher Situation gebetet
worden sind, sind eine große Hilfe.
CHRISMION:
Könnten Sie auf der Stelle solch ein starkes Gebet aus der Bibel nennen?
HELGE
ADOLPHSEN:
Ja, sofort. "Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln, er weidet
mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser", Psalm
23. Wenn Sie rumfragen, sagen ganz viele Leute: Das ist mein Psalm! Das
ist nämlich ein Psalm des Vertrauens. Und wenn es weitergeht mit "Und
ob ich schon wanderte im finsteren Tal", dann kommt auch meine finstere
Situation zur Sprache, da kann ich mich identifizieren, das ist dann für
mich plötzlich, als würde mir das jemand zusprechen und nicht ich mir
selber etwas sagen. Am Ende heißt es: "Und ob ich schon wanderte im finsteren
Tal, fürchte ich kein Unglück ... und ich werde bleiben im Hause des Herrn
immerdar."
CHRISMON:
Soll man zu beten versuchen, auch wenn man nicht weiß, ob man wirklich
glaubt?
HELGE
ADOLPHSEN:
Das Beten davon abhängig zu machen, ob ich perfekt im Glauben bin, das
finde ich anmaßend. Ich sag immer: Fang mit dem an. was dir auf den Nägeln
brennt, und guck, was dabei rauskommt. Beten heißt in Verbindung treten
- mit Gott, mit Menschen. Das ist die Chance eines Gebetes, dass es Verbindungen
knüpft, wo Bindung schwer fällt oder wo Menschen bindungslos geworden
sind und nicht weiterkönnen.
CHRISMON:
Von außen betrachtet ist Beten ja ein Selbstgespräch. Macht es psychologisch
einen Unterschied, ob man zu sich selbst spricht - das reine Aussprechen
tut ja auch schon gut - oder ob man zu Gott spricht?
HELGE
ADOLPHSEN:
Ja. Vielleicht nicht am Anfang, weil man nicht unterscheiden kann, ist
es ein Selbstgespräch oder ist es ein Zwiegespräch. Wenn man aber weitergeht
auf dem Weg des Betens, wenn man sich bewusst an ein Gegenüber wendet,
dann wird es möglich, auch Dinge aus sich heraus zu geben, vielleicht
sogar zu übergeben und abzugeben. Dann merkt man, dass es ein Dialog und
kein Monolog ist. Der Monolog bedeutet ja, du bleibst bei dir und in dir
selbst.
CHRISMON:
Und das Problem bleibt auch bei mir.
HELGE
ADOLPHSEN:
Genau. Aber man kann nicht alle Dinge selbst lösen. Bei manchen Erscheinungsformen
der Esoterik bis hin zu asiatischen Religionen sehe ich das große Problem,
dass das Ich ganz hoch gehalten wird. Aber dann bleibt man sich selbst
die einzige Instanz. Es fehlt die entscheidende Dimension eines Gegenübers.
CHRISMON:
Die meisten Schreiber in den Besucherbüchern bitten um etwas, eine beachtliche
Zahl aber bedankt sich. Wie kann man seinen Dankbarkeitsmuskel trainieren?
HELGE
ADOLPHSEN:
Man kann zum Beispiel abends, bevor man ins Bett geht, den Tag im Ganzen
noch einmal überschauen. Und zwar nicht unter dem Aspekt, was war alles
mies, sondern sich wirklich bemühen, auch auf die kleinen Dinge zu achten,
die man so leicht übersieht, um sie wieder reinzuholen und sie mit in
den Schlaf zu nehmen. Das ist ungeheuer wichtig: sich öffnen fürs Danken,
mehr zu gucken, was man nicht alles aus eigener Kraft bekommen hat. Auch
das ist eine Form des Betens.
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