Glockenjubiläum:

Am 7. Oktober 2001 feierte unsere Kirchengemeinde 50-jähriges Glockenjubiläum:

Ihrhove hat immer drei schöne Glocken gehabt. Und hat doch auch manches Schwere mit seinen Glocken erlebt. 1809 war die große Glocke gesprungen. Der Glockengießer Fremy aus Reepsholt goß sie neu. In Reepsholt? Vielleicht auch auf dem hiesigen Friedhof, wie die Alten hier erzählen, die zu berichten wissen, dass die Gemeindeglieder goldene und silberne Schmuckstücke in die Glockenmasse geworfen hätten. 1888 im Dreikaiserjahr sprangen die mittlere und die kleinere Glocke und mussten umgegossen werden.


Der Krieg raubte die Glocken


Der erste Weltkrieg beließ nur die große Glocke , die anderen beiden wurden abgeliefert und durch neue Bronzeglocken ersetzt. Dann sprang 1926 wieder die große Glocke und wurde durch die Firma Rincker in Sinn neu gegossen.

Bis 1942 haben die drei Glocken -Ton cis` und e` und gis`- gemeinsam ihren Dienst getan, dann nahm wieder der Krieg unsere beiden großen Glocken fort, die noch ein paar Tage auf der Rampe in Leer standen und anschließend in Hamburg sofort eingeschmolzen wurden. In all den weiteren Jahren des Krieges war auch das Geläut der noch verbleibenden kleinen Glocke nur beschränkt möglich. Die höchste Läutezeit war 3 Minuten, vor 8 Uhr morgens und nach 6 Uhr abends war jedes Läuten verboten.

Vermutlich wurde dieses Bild aufgenommen, als die Glocken abgeliefert werden mussten, da ohne Sicherung gearbeitet und ein Zerspringen beim Herabfallen billigend in Kauf genommen wurde.

Sehr bald nach dem Krieg hat sich der Kirchenrat um neue Glocken bemüht. Zum Ankauf der angebotenen "Klanggußglocken" konnten wir uns nicht entschließen. Bronzeglocken gab es erst wieder nach der Währungsreform. Aber die Bronzepreise stiegen so sehr, dass sie uns unerschwinglich wurden. Bronzeglocken kosteten das dreifache von Stahlglocken.

Es blieb auch die Sorge, dass ein neuer Krieg sie uns sehr bald wieder vom Turm holen könnte. Immer mehr Gemeinden gingen inzwischen zum Ankauf von Bochumer Stahlglocken über. Die beiden großen Glocken wurden uns von Bochum zum Preis von reichlich 9.000 DM einschließlich Montagekosten angeboten, sie sollten zu der alten Bronzeglocke eingestimmt werden und zu Ende Januar hier sein. Als dann bei einer Prüfung das Tonbild der alten Glocke festgestellt wurde, da war dieses so schlecht, dass neue Glocken kaum darauf abgestimmt werden konnten.

Statt dessen wurde die Bestellung einer dritten fis`-Stahlglocke beschlossen, für die die Alte nun in Tausch gegeben werden sollte. Auch sagte der Bochumer Verein jetzt die Lieferung bis zu unserem Rundfunkgottesdienst am 7. Oktober 1951 zu.

Die alte Bronzeglocke hat am 9. September 1951 abends von 19 bis 19.15 Uhr zum letzten Mal geläutet. Mehr als drei Wochen war die Gemeinde ohne jeden Glockenklang. Zum Gottesdienst rief unser Posaunenchor. Und dann ging´s Zug um Zug. Die alten Achsen wurden aus dem Turm ausgebaut und nach Bochum gesandt; sie waren aus altem Eichenholz und darum noch so fest, dass sie ohne weiteres wieder gebraucht werden konnten. Als dann der Guß und die Einstimmung erfolgt waren, konnte der landeskirchliche Glockensachverständige Kantor Hallensleben nach Bochum fahren, um dort die Glocken zu prüfen. Er schreibt in seinem Gutachten, die Gemeinde könne stolz auf ihr neues Geläut sein; der Ton sei edel, die Weichheit bestechend und die Klangfülle enorm.


Die Ankunft der neuen Glocken


Welch ein Augenblick kam, als wir am Abend des 1. Oktober zum ersten Mal die großen, neuen Glocken auf dem LKW sahen, schon mit dem blau gestrichenen Achsen versehen! Ihre Inschriften leuchteten im Glanz der untergehenden Abendsonne. Bei der Großwolder Kirche wurden sie von der Jugend der Gemeinde empfangen, mit Girlanden geschmückt und dann zum Turm in Ihrhove geleitet. Posaunen grüßten die neuen Glocken mit dem Choral: "Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren!"
Endlich! Die Glocken erreichten am 1. Oktober 1951 ihr Ziel.

Nach dem Gesang und einem Begrüßungsgedicht hieß der Ortspastor die Glocken angesichts einer fast unabsehbaren Menschenmenge herzlich willkommen. Er erzählte von der Geschichte der bisherigen Ihrhover Glocken, sprach von der engen Verbundenheit der Glocken mit dem Leben der Gemeinde, dankte allen Spendern und Helfern und gab dem Wunsch Ausdruck, dass die neuen Glocken noch viele Generationen ins Gotteshaus rufen und durch lange, lange Zeiten hindurch ihre eherne Stimme zur Ehre Gottes erheben möchten.

Viele Ihrhover fanden den Weg zur Kirche, um die Arbeiten am Glockenturm zu verfolgen.

Der Einbau der drei Glocken, bei welchem dem Bochumer Monteur viele einheimische Kräfte zur Seite standen, hat viel Mühe gemacht. Der Glockenstuhl mußte besonders für die kleine Glocke erweitert werden. Gleichzeitig wurde die ganze elektrische Läuteanlage erneuert und um ein Freikabel und eine Fernschaltung erweitert. Am Mittwochabend hingen alle drei Glocken, da wurden die Klöppel eingehängt und die Glocken schon einmal mit der Hand angeschlagen.

Der Einbau war recht mühsam. Die Fenster mussten erweitert werden.

Am Donnerstag haben vor allem noch die Elektriker im Großeinsatz gearbeitet. Am Abend war dann die Leitung provisorisch fertig, so kam nach Beseitigung kleiner Anfangsstörungen der große Augenblick des Probeläutens in später Abendstunde. Erstmalig erhoben die drei Glocken ihre schöne, ruhige Stimme über das stille und lauschende Dorf und seiner ganzen Umgebung. Alle Erwartungen waren soweit übertroffen, der Dreiklang cis`- e` - fis` erscheint dazu noch viel schöner als der frühere Dreiklang cis`- e` - gis`. Wer es miterlebte, der wird diese halbe Stunde des ersten Geläutes nie mehr vergessen.


Der Rundfunkgottesdienst


Am 7. Oktober fiel die feierliche Übernahme des neuen Geläutes mit dem Rundfunkgottesdienst aus der Ihrhover Kirche zusammen. Schon am Sonnabend Nachmittag erschien der große Rundfunkwagen des NWDR und bereitete die Übertragung vor. Jeden Sonnabend bringt der NWDR die Sendung: "Glocken läuten den Sonntag ein". So hörten wir dann am Sonnabend Abend um 18.55 Uhr im Radio die Originalübertragung unserer neuen Glocken und mit uns so viele! Auch so viele Auswärtige, die Ihrhove kannten oder gar von hier stammten und die dann in den nächsten Tagen in vielen Briefen ihrer Freude über das herrliche Geläut Ausdruck gaben.

Im Rundfunkgottesdienst hielt in der vollbesetzten Kirche der Ortspastor die Predigt über 1. Mose 13. Die Gemeinde umrahmte Predigt und Schriftverlesung (Psalm 73, Vers 23 ff.) mit ihrem von Kantor Wieking auf der Orgel begleiteten Gesang. Gesungen wurde aus den Reimpsalmen 124, 84 und 68 und außerdem der letzte Vers des in Ostfriesland so bekannten Liedes: "Erlöser, Freund ...". Die Übertragung schloss mit dem erneuten Läuten der Glocken.

Als dann der Rundfunk abgeschaltet war, konnte die Übernahme der Glocken erfolgen. Text der Ansprache hierzu war Lukas 14, 23: "Nötige sie, hereinzukommen, auf das mein Haus voll werde." Gott will, so führte der Ortspastor aus, ein volles Haus, hier unten und auch in der großen Ewigkeit. Drum läßt er alle laden und öffnet die Türen weit. Schon seine Boten haben die Aufgabe einzuladen, ja sogar zu nötigen und zu drängen. Dies Nötigen darf nun auch durch die Glocken geschehen. Wie nach einer Sage die Glocke einem Kinde nachwandelt und es zurückruft, so möchten auch uns die Glocken aus den Häusern ins Gotteshaus nötigen und uns an die Ewigkeit erinnern.

Nach Worten des Gedenkes an die Gefallenen und die Opfer des Krieges erhob sich die Gemeinde und es erklang die große Glocke als die Gefallenen-Gedächtnisglocke. Auf ihr ist als Losung der 10. Vers des 68. Reimpsalms angegeben, den wir auch bisher bei allen Tauffeiern sangen.
In gleicher Weise wurde dann die mittlere Glocke als die Erinnerungsglocke für die Vermißten in den Dienst der Gemeinde übernommen. Im Blick auf diese vielen Vermißten steht auf der mitteren Glocke der Spruch aus Psalm 68: "Gott legt uns eine Last auf, aber hilft uns auch."
Dann folgte die kleine Glocke, die als "Ruf zum deutschen Osten" gegossen war und somit an die Not durch die blutende Wunde im Osten erinnerte. Ihre Inschrift mahnt uns mit der Losung des Berliner Kirchentages: "Wir sind doch Brüder!" Und mit dieser Losung wurde sie im Gedenken an den Osten übernommen. Als dann die drei Glocken gemeinsam läuteten, wurde die Feier geschlossen mit dem stehend gesungenen Lied: "Nun danket alle Gott!"

Die große Glocke wiegt 1562 kg, die mittlere 962 kg und die kleine 645 kg. Der untere Durchmesser ist bei der großen Glocke 160 cm, bei der mittleren 135 cm und bei der kleinen 118 cm. Die kleine Glocke ist gegossen am 18. August 1951, die beiden großen am 30. August 1951. Noch ist die Kostenfrage nicht klar zu übersehen. Leider ist die Einsammlung der Spenden noch nicht ganz abgeschlossen. Wir dürfen aber schon jetzt dankbar sein für so manches Opfer, das gebracht worden ist. Noch sind nicht alle Rechnungen, besonders für die Montage, eingegangen. Wenn die Gutschrift für die alte Glocke einigermaßen günstig ausfällt, dann dürfen wir aber doch hoffen, dass wenigstens der größte Teil der gesamten Kosten gedeckt werden kann. Der Rest wird dann durch Kollekten, etwa auch bei den Beerdigungen, aufgebracht werden müssen. Vielleicht hat ja auch der schöne Klang der neuen Glocken den einen oder anderen noch neu willig gemacht, auch ein Scherflein zu den Kosten beizutragen.

In der Woche nach dem Einbau haben die drei Glocken noch jeden Abend gemeinsam von 18.30 Uhr bis 18.40 Uhr geläutet. Und die kleine Glocke begann dann schon ihren regelmäßigen Tagesdienst, indem sie jeden Morgen um 7 Uhr fünf Minuten läutete. Damit soll die Sitte des täglichen Morgen- und Abendgeläutes mit dieser kleinen Glocke wieder eingeführt werden. Verläutet wird wieder mit allen drei Glocken und zwar mittags um 12 Uhr eine viertel Stunde lang. Bei vertorbenen Kindern beginnt dabei die kleine Glocke, bei Jugendlichen die mittlere und bei den Erwachsenen die große Glocke.

Die Ansage im Rundfunkgottesdienst hatte folgenden Wortlaut:
"O Land, Land, Land höre des Herrn Wort! Mit diesem Ruf klingen nun auch Ihrhoves neue Glocken hinaus und rufen zum ersten Mal die Gemeinde zu ihrem sonntäglichen Gottesdienst. Nur eine kleine Glocke war seit dem 2. Weltkrieg geblieben.
Heute treten an ihre Stelle die drei neuen Bochumer Stahlglocken, die in der letzten Woche eingebaut worden sind und die mit ihrem schönen Klang schon beim Probeläuten die Gemeinde erfreuten. Sie rufen zum Gottesdienst in der alten, schlichten Dorfkirche, die etwa um 1300 erbaut ist und in der eigentlich als einzige Besonderheit der alte Taufstein steht, der noch 100 Jahre früher aus Bentheimer Sandstein gehauen wurde. In der alten Kirche haben schon die Väter so gerne ihre Psalmen gesungen. So beginnt der Gottesdienst auch heute mit einem Psalm. Die Gemeinde singt Psalm 124: "Sing, Gottes Volk: wär unser Gott nicht treu...".

Quelle: "Ihrhover Glockenjubiläum"
Text: Pastor Hermann Züchner (verstorben)

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